Tragen

Preis: ehem. DM 9,80
Broschiert - 157 Seiten - Rowohlt Tb.
Erscheinungsdatum: 1985
ISBN: 3499179229

Klappentext:

Wenn das Baby am warmen Busen der Mutter wiederhört, was viele Monate im Uterus seine tägliche Geräuschkulisse war, dann geht ein Lächeln über sein Gesicht. Körperkontakt - das ist mehr als nur mal aufgenommen werden. Ob aus der Verhaltensforschung, der Ethnologie oder aus dem eigenen Alltag - die Beweise sind zahllos, dass mit dem Körpergefühl auch ein anderer, zuversichtlicher, angstloser, starker Mensch wächst. Das aber ist das Wichtigste an diesem Buch: Ein Kind in der ersten Zeit seines Lebens viel zu tragen und am Körper zu haben, bringt der Mutter, wenn sie es richtig anfasst, entscheidende Erleichterung in ihrem Alltag. Es hilft ihr, eine Mutter zu sein, die ihrem Kind nahe ist, aber sich durch ihr Kind nicht selbst vernachlässigt oder gar vergisst.

Rezensionen:

In Kapitel 1 Wie mein zerrissener Alltag wieder zusammenwuchs, Oder: Warum ich dieses Buch schrieb beschreibt Frau Hilsberg ihren Weg zum Tragetuch respektive zur Rückentrage. Die Lektüre von Jean Liedloffs Auf der Suche nach dem verlorenen Glück war für sie ein Aha-Erlebnis, welches sie völlig umdenken ließ und sie in ihrem zaghaften Tun bestärkte. Dies kann ich für meinen Teil auch von diesem Buch behaupten. Liedloff schreibt von der biologischen Grundausstattung eines jeden Babys, dass ein jedes Baby erwartet, getragen und gestillt zu werden. Ich beschreibe Liedloffs Buch immer als "Gib-mir-einen-Tritt-Lektüre", es scheint mir, dass Hilsberg dies genauso sieht. :-)

In Kapitel 2 Von der Gegenwart in die Vorzeit und wieder zurück macht Hilsberg einen zeitlichen Spaziergang mit der Leserin und dem Leser. Ausgangsfrage ist: Wie gehen und gingen Erwachsene damit um, dass ein Baby Tag und Nacht Anforderungen an sie stellt? Sie erzählt von Kindsmorden und Kindern, die wenige Tage nach der Geburt für Jahre zu einer Amme gegeben wurden, wo sie aufwuchsen, fernab von ihren Eltern und ihrer Familie. Wie man die Körper der Kinder richten wollte, indem man sie einst ein Jahr, später "nur" noch vier Monate eng eingewickelt hatte. Idee war, dass die Knochen der Kinder gerade gebunden werden müssen, ansonsten würden sie immer krumm bleiben. Aber nicht nur die Knochen wurden gerichtet, auch die Seele. Schon früh wollte man auch die Seele des Kindes richten, Verwöhnen war verpönt und man tat alles, die Oberhand gegenüber dem Kind zu behalten. Erschwerend dazu kam eine extreme Körperfeindlichkeit. Renggli berichtet von Findlingsheimen, in denen ein Drittel aller Kind im ersten und zweiten Lebensjahr verstarben, weil sie keinerlei Körperkontakt weder zu den Betreuenden, noch zu anderen Kindern hatten. Die Überlebenden lagen apathisch in ihren Betten und konnten im Alter von vier Jahren weder sitzen, laufen, noch stehen. Und trotz allem hat man Kinder auch in früheren Epochen geliebt, dies ist nicht zu vergessen. Man dachte, es sei das beste Für das Kind, es körperfeindlich und streng aufwachsen zu lassen.

Nach diesem Ausflug in frühere Zeiten kommen wir zurück ins 20. Jahrhundert. Hilsberg zeigt auf, welche Bilder uns Hochglanzbroschüren und Elternratgeber vermitteln und merkt scharfsinnig an, dass wohl kaum jemand diesem mit Absicht schon fast absurden Bild entsprechen kann, so dass wohl vielen Müttern aus einem Gefühl der Unfähigkeit die Milch wegbleibt und die Milchnahrungsindustrie auf ihre Kosten kommt. Jedenfalls vermitteln die allermeisten Bücher und Broschüren nur das Bild, wie man und frau zu sein hat, geben aber keine Idee, wie es anzustellen ist.

In Kapitel 3 Ein Ausblick in andere Kulturen thematisiert Hilsberg die sogenannten einfachen Kulturen und betont, dass nicht alle Naturvölker naturgegeben richtig mit ihren Kindern umgehen. Als Beispiel finden wir da die Tepoztlanerinnen, welche das Kolostrum ausstreichen und wegschütten, da sie denken, dass es giftig für ihr Kind sei. Natürlich nimmt in diesem Kapitel der Stamm der Yequanas viel Platz ein, da Hilsberg das Liedloffsche Buch über jenen Stamm als auslösende Lektüre erlebt hat. Durch das Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück kann man sich viele Impulse und Ideen holen, wobei man sich bewusst sein muss, dass Liedloff sehr gefärbt und außerordentlich begeistert über diese Menschen berichtet. Es muss trotz allem kritisch gelesen werden. Was unabhängig vom Volk der Yequanas seine Gültigkeit haben wird, ist die biologische Ausstattung und die angeborene Erwartung eines jeden Menschenkindes, getragen und gestillt zu werden. Die Yequanas pflegen das Nicht-Beschäftigen des Kindes, welches als Zaungast auf dem Arm 24 Stunden am Tag mitten im Geschehen, jedoch nicht Mittelpunkt des Geschehens ist. Zusammenfassend läßt sie zu diesem Kapitel sagen: Hilsberg fordert die Leserin und den Leser auf, über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich neue Impulse zu holen, wobei jede Familie für sich selber ausmachen muss, was für sie passt und sich richtig anfühlt.

In Kapitel 4 Andere Frauen und ihre Erfahrungen mit dem Baby am Körper finden sich viele Erfahrungsberichte weiterer Mütter, welche ihre Kinder getragen haben.

In Kapitel 5 Ein Blick ins Tierreich. Oder: Warum funktioniert Körperkontakt als allgemeine Entspannung im Leben mit dem Baby? Vergleicht Hilsberg manche Tierarten mit dem Menschen. Festgestellt wurde, dass Tiere nur weitergeben, was sie selber als Tierbaby erfahren hatten. So wussten Kühle nicht, dass sie ihre Kälber lecken sollen nach der Geburt, weil sie selber direkt nach der Geburt sofort ihren Mutterkühen weggenommen wurden. Die Vorbildfunktion der eigenen Tiereltern ist prägend und stellt Weichen für viele weitere Generationen. Auf diesen Aspekt kommt Hilsberg in Kapitel 10 wieder zurück: Wie können wir Menschen von uns selber erwarten, unsere Kinder 24 Stunden am Tag z tragen, wenn wir selber kaum getragen wurden und mit einer gewissen Körperfeindlichkeit aufgewachsen sind? Desweiteren unterscheidet Hilsberg zwischen Nesthocker, Nestflüchter und Tragling, wobei der Mensch ein Tragling ist. Berührungen sind lebensnotwendig für Tiere und Menschen; Tragen ist eine Art Massage, der tragende Körper massiert durch seine Bewegungen den Tragling, was zu einer wunderbaren Entspannung führt. Tragen hat also durchaus nicht einfach einen Touch von Luxus und moderner Elternschaft, Tragen ist gut für die Seele und den Körper des Traglings, es erfüllt eine Notwenigkeit.

In Kapitel 6 Vom ersten "Kontakt" im Bauch bis zum "Auf und davon" kommt Hilsberg auf das wichtige Thema der Reize zu sprechen. Reize formen und entwickeln die Sinnesorgane, schon im Mutterleib sind Babys einer Menge von Reizen ausgesetzt, welche sie reifen lassen. Da der Mensch eine Frühgeburt ist - er müsste eigentlich noch 9 weitere Monate im Schutz der Gebärmutter verbringen - braucht auch ein Baby nach der Geburt eine gewisse Anzahl von Reizen, die es jedoch nicht überfordern dürfen. Die sensorischen Reize, über den Tastsinn der Haut geleitete Reize, sowie Reize des Vestibulärapparates sind besonders wichtig. Ein Kind soll immer in Kommunikation mit seiner Mutter stehen, anfangs wird das fast ausschließlich mit Hilfe von Körperkontakt sein. Im Anfangsstadium ist die Kommunikation zwischen Mutter und Kind besonders wichtig und prägend für Muter und Kind, man spricht von Bonding. Was mir besonders eingeleuchtet hat: Hilsberg schreibt, dass für ein Kind, auf dessen Schreien man nicht reagiert, in der ersten Zeit einfach die ganze Welt feindlich und kalt ist, und später führt ein Nicht-Reagieren auf das kindliche Weinen dazu, dass das Kind an sich selber und seinen Fähigkeiten zweifelt. Wird beständig auf das Kind und dessen Weinen reagiert, bleibt das Urvertrauen des Kindes erhalten, es wird schneller selbständig und geht früher freiwillig weg von seiner Mutter, als ein Kind, welches von Anfang an um die Aufmerksamkeit seiner Mutter kämpfen musste.

In Kapitel 7 Wie erfährt ein Kind seinen Körper, wenn es im ersten Lebensjahr viel getragen wird spricht Hilsberg meines Erachtens vor allem zwei wichtige Dinge an: Auch ein schlafendes Kind soll getragen werden, es spürt auch im Schlaf Geborgenheit und Sicherheit. Wir sollen das Kind nicht bei jedem Nickerchen ablegen, als wären wir endlich für ein paar Minuten frei. Inwiefern dieses andauernde Tragen realisierbar ist, wird später diskutiert, ich werde darauf zurückkommen.

In Kapitel 8 Die mit der tragenden Rolle, die Erwachsenen bespricht Hilsberg die Vorteile, die die/der Tragende hat. Zum einen sind wir Menschen von Natur her versucht, jedes Baby auf den Arm zu nehmen, zu wiegen und zu tragen. Dies ist so etwas wie ein Programm, welches in uns abläuft, wenn wir ein beschützenswertes Menschenbaby erblicken. Es liegt also in unserer Natur, unsere Kinder zu tragen. Wir tun uns selber Gutes, wenn wir dem Verlangen nachgeben. Ich denke, die Natur hat diesen Beschützerinstinkt deswegen eingerichtet, um das Überleben der Babys zu sichern.

In Kapitel 9 Leben mit dem Baby am Leib greift Hilsberg wie in früheren Kapiteln auch schon oft ihre eigenen Erfahrungen auf. Sie beschreibt, dass sie ihr Kind,welches in der Rückentragen saß, nicht ständig umsorgt und gehätschelt, jedoch mit ihm ihr Leben geteilt hat: das Kind konnte mit ihr die Perspektive teilen und an allem teilnehmen, was im Alltag geschah. Das Kind im Tragetuch oder der Rückentrage ist immer mittendrin, aber nie Mittelpunkt. Es wird nicht bespaßt und in diesem Sinne auch oft überfordert mit ständigem Spaß und Blickkontakt, sondern kann selber die Regie übernehmen, wieviel und wie intensiv es am Geschehen teilnehmen will.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Rolle der Frau überhaupt: eine Frau, die für Jahre auf die Krabbeldecke verbannt wird, hat später kaum Chancen, wieder in ein nicht kindorientiertes Leben einzufinden. Es ist eine Art Feminismus, das Kind zu tragen: die Frau kann ihren Alltag mehr nach ihrem Geschmack gestalten, hat deutlich mehr Freiheit als eine Mutter, die ständig ihre Tätigkeit unterbrechen muss, weil ihr Kind unzufrieden ist, sie hat mehr Möglichkeiten, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, als wenn sie ständig absorbiert ist durch ihr unzufriedenes Kind. Außerdem liegt die Crux darin, dass der Lebensabschnitt des intensiven Mutterseins nach ein paar Jahren abgeschlossen wird und die Frau genau an diesem Punkt die Möglichkeit haben soll, sich wieder in das "normale" Leben einzuordnen. Mutterschaft ist nicht konservativ und "un-feministisch", das Ausklammern der Frau in der Phase der Mutterschaft jedoch schon.

Zu guter Letzt spricht Hilsberg noch das Maß des Tragens an: es ist eine individuelle Entscheidung, wieviel eine Mutter tragen kann und will. Es ist nicht Maß aller Dinge, das Kind 24 Stunden am Tag in Köperkontakt zu haben, sondern dass Mutter und Kind zufrieden sind.

In Kapitel 10 Tragehilfen, Kinderwagen, Bettprobleme gibt Hilsberg Tipps rund um den Kauf und Gebrauch von obgenannten Artikeln und räumt auf mit Ammenmärchen rund um das Tragen.

In Kapitel 11 Noch einmal durchgemustert: Einwände gegen das Tragen räumt Hilsberg ausführlich mit Vorurteilen rund um das Tragen, Familienbett, Stillen und Co. auf. Meines Erachtens sind einige Passagen in Kapitel 10 und 11 veraltet, wer sich intensiver mit Basis- und Fachwissen rund um das Tragen auseinander setzen will, sollte Ein Baby will getragen sein von Evelin Kirkilionis lesen.

Das Fazit ist jedoch zeitlos: Auch wenn Tragen, Stillen, Familienbett und Co. gerne sogenannten Übermüttern zugestanden werden, ist es genau das Gegenteil: Investition in unsere Kinder und kreative Faulheit hier ist hier das Stichwort! :o) Hilsberg schreibt in ihrer kleinen Schluss-Notiz: indem sich die Mutter das Kind aufbürdet, befreit sie sich von ihm, und indem das Kind die Mutter hat, kann es sie loslassen.

Barbara



zum Seitenanfang