Schwangerschaft und Geburt

cover

Hausgeburt. Sheila Kitzinger

Preis: ? (nicht mehr lieferbar)
Gebunden - 213 Seiten - Kösel
Erscheinungsdatum: 1994
ISBN: 3466343135

Gebraucht vorbestellen bei Amazon.de

Kurzbeschreibung:

Sheila Kitzinger ermuntert werdende Mütter und Väter, ihren eigenen Bedürfnissen nachzuspüren, und hilft, für die individuelle Situation die richtige Entscheidung zu treffen. Sie bietet wichtige und hilfreiche Informationen zum Thema Hausgeburt an, wie beispielsweise häusliche Voraussetzungen, Rolle der Hebamme, Geburtsvorbereitung, Geburtsbegleiter und vieles andere. Mehrere Bildergeschichten vermitteln einen ersten Eindruck, wie Hausgeburten verlaufen können.

Rezensionen:

Mit diesem Buch habe ich einen persönlichen Glücksgriff gemacht und ich freue mich, dass ich es besprechen darf. Ich hatte vor über fünf Jahren eine Krankenhausgeburt und vor über drei Jahren und vor einem halbenJahr eine Hausgeburt. Gelesen habe ich das Buch nach der zwieten Schwangerschaft zum ersten Mal und ich fühlte mich wunderbar abgesprochen durch dieses Buch. Zudem ist es durchaus kein "alter Schuh", das Buch nach einer geglückten Hausgeburt zu lesen. Ob frau es vor der Hausgeburt, nach der Hausgeburt, überhaupt in der Schwangerschaft ohne Plan, wo frau entbinden will oder nach einer Krankenhausgeburt liest: die Lektüre tut immer gut, weil sie informativ und fundiert, gleichzeitig liebevoll und auf viel Erfahrung basierend ist. Dies meine Einschätzung.

Sheila Kitzinger schreibt kompromisslos und doch sehr einfühlsam, taktvoll und basierend auf Quellen und Statistiken über die Risiken von Krankenhausgeburten, Hausgeburten und ausserklinischen Geburten im Allgemeinen. Wer dieses Buch liest, wird keinesfalls ohne gründlich nachzudenken den Geburtsort wählen, weder Krankenhaus noch ausserklinische Orte. Genau diesen Effekt finde ich wünschenswert: Es gibt keinen einzig richtigen Geburtsort, jede Frau muss für sich und ihr Baby und ihr Familien entscheiden, wo sie gebären will.

Inhalt und Aufbau des Buches

In Kapitel 1 Geburt ohne Klinik - warum? wird grundlegend aufgezeigt, dass jede Frau die Wahl hat, wo sie ihr Kind gebären will. Niemand hat das Recht einer Frau Vorwürfe oder Auflagen zu machen, wenn sie einen anderen Geburtsort auswählt als ihr Gegenüber.

In Kapitel 2 Was stimmt nicht in den Kliniken? wird im ersten Teil die Geschichte der klinischen Geburt aufgerollt. Kitzinger beschreibt, dass einst alle Geburten zuhause stattfanden. Die ersten Frauen, die in Kliniken gebaren, waren arme und unverheiratete Frauen, welche selber nicht die Möglichkeit hatten, ihr Kind wie alle anderen zuhause zu gebären. Diese Frauen wurden die ersten Opfer der medizinischen Geburtshilfe: Sie waren die Versuchspersonen, an ihnen wurde all dies (und wahrscheinlich noch viel mehr *grusel*) erprobt, was später zur Geburtsroutine wurde: Wehenfördernde Mittel, Fruchtblase sprengen und vieles mehr. Im 2. Teil des Kapitels zieht die die Gegenwart der medizinischen Geburtshilfe heran, diskutiert und beleuchtet die iatrogenen Risiken einer Klinikgeburt und schreibt einen Satz, den ich stellvertretend für das ganze Kapitel zitieren möchte: Kliniken könnten viel besser funktionieren, wenn es keine Patienten gäbe.

In Kapitel 3 Die richtige Entscheidung treffen gibt Kitzinger Hilfestellungen und Checklisten, wie eine Frau herausfinden kann, welches für sie persönlich der richtige Geburtsort ist. Zum einen schreibt sie, dass durchaus nicht alle Frauen, die den Stempel "Risikoschwangere" erhalten haben, wirklich eine solche sind, im Gegenteil, Kitzinger meint, dass die wenigsten tatsächlich Risikoschwangere seien. Sie führt Statistiken heran, die aufzeigen, dass die Kindersterblichkeit aus verschiedenerlei Gründen im Krankenhaus um ein Vielfaches höher ist als bei ausserklinischen Geburten. Vor allem im Gegensatz zu Hausgeburten. Dazu zitiert sie Majorie Tew, welche viel genau zu diesem Thema geschrieben und geforscht hat.

Im Kapitel 4 Vorkehrungen für eine Geburt ohne Klinik treffen erklärt sie der Leserin die verschiedenen Arten von Geburtshäusern. Dies international gesehen, denn Geburtshäuser in Deutschland sind zum Beispiel nicht gewinnorientiert, während es in den USA Geburtshäuser gibt, welche direkt an ein Krankenhaus angebunden sind und die Gebärenden nach Lust und Laune der Ärzte in den normalen Kreissaal rüber gefahren werden, wo sie in die Geburtsroutine des Krankenhauses übergehen. Aber es gibt auch Geburtszentren und Geburtshäuser in den USA, die den deutschen ähnlich oder gar gleich sind in der Funktionsweise. Ein spannendes Kapitel, denn sie beleuchtet damit auch das Geschäft mit der Geburt: "Lasst und doch ein heimeliges Geburtshaus ans Krankenhaus anbauen, so können wir auch alternative und selbstbewusste Frauen "fangen"."

In Kapitel 5 Ihre Hebamme resümiert Kitzinger die Geschichte der Hebammenzunft. Ein geschichtlicher Ausflug, der spannend und packend zu lesen ist.

In Kapitel 6 Sich bereit machen werden Test, Messungen und Untersuchungen thematisiert, welche die Schwangerschaftsroutine für Frauen vorsieht, welche sich in das Fahrwasser der medizinisch betreuten Schwangerschaft begeben. Des Weiteren spricht sie wichtige Themen wie Ernährung in der Schwangerschaft, Medikamenteneinnahme in der Schwangerschaft, Nikotin und Alkohol, Schwangerschaftsgymnastik, Entspannungsübungen etc. an. Besonders gut fand ich den Hinweis, dass auch Vitamin- und Mineralstoffpräparate Medikamente sind, welche nicht ohne Grund eingenommen werden sollen. Die Checklisten für eine Geburt - wo auch immer sie stattfinden soll - fand ich sehr hilfreich und werde deswegen zu meiner nächsten Geburt hin dieses Buch zu Rate ziehen.

Das Kapitel 7 Ihre Geburtsbegleitung ist sicherlich eines der Kapitel, welches jeder werdende Vater unbedingt lesen sollte. Es geht um die Rolle des Mannes in der Zeit der Schwangerschaft und während der Geburt und einen kleinen Nebenaspekt, den sie nur kurz anspricht, möchte ich nicht unerwähnt lassen: Oft wird heute in den Geburtsvorbereitungskursen den Männern beigebracht, dass sie ihre Frauen kontrollieren sollen beim Atmen, kontrollieren in der Geburtshaltung und so weiter. Eine weitere Möglichkeit wird geschaffen, wie Männer über gebärende Frauen die Kontrolle haben können. Es soll viel mehr gelehrt werden, wie Männer ihre Frauen unterstützen können!

In Kapitel 8 Die Geburt gemeinsam erleben spricht sie darüber, wie eine Geburt ein Familienereignis werden kann, wie eine Doula die ganze Familie in der ganzen Zeit der Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett wichtige Unterstützung geben kann, was der Partner alles leisten kann und darf und ganz wichtig: welche Rolle und welchen Stellenwert ältere Geschwister einnehmen dürfen. Die Frage, ob ältere Geschwister bei der Geburt dabei sein sollen, finde ich sehr spannend und sehr wichtig, gerade auf dem Hintergrund, dass Geburten immer noch als schlimmes Ereignis voller Schmerz und begleitet von vielen ekelhaften Körperhauscheidungen dargestellt werden, welches natürlich keinem Kind zugemutet werden kann.

Im Kapitel 9 Herausforderungen annehmen fasst Kitzinger viele Themen zusammen, welche aktuell werden unter der Geburt. Dieses Kapitel kann als Nachschlagewerk genutzt werden. Eine wehende Frau kann ihren Mann losschicken und nachlesen lassen, was sie tun soll, wenn sie einen vorzeitigen Blasensprung hat, eine Frau, die ihr Kind überträgt, kann nachlesen, wie sie Geburtswehen fördern kann und so weiter.

Kapitel 10 Hausgeburten beinhaltet drei persönliche Berichte von Hausgeburten. Einfach schön zu lesen!

Abschliessend wird in Kapitel 11 Babyflitterwochen ausführlich über das Wochenbett geschrieben. Was ist das Wochenbett, wie viel darf sich eine Wöchnerin zumuten, was kann der frisch gebackene Vater für seine Familie tun, das Thema Stillen absolut nach der Philosophie der La Leche Liga, gemeinsames Schlafen als leichteste Schlafsituation für Eltern und Baby und schliesslich auch das Thema postpartale Depression sind die Themenschwerpunkte dieses Kapitels.

Meine persönliches Fazit

Ich habe sehr viel Freude an dem Buch und werde es auf jeden Fall weiter empfehlen an Frauen, die eine gewisse Offenheit gegenüber anderem als dem Mainstream signalisieren. Das Buch hat mich gefesselt und mir viele Informationen geliefert, die weder trocken noch langweilig rüber kamen. Es ist ein kritisches Buch, wobei die Autorin sich niemals im Ton vergreift. Kitzinger schafft es jederzeit, Frauen, welche im Krankenhaus geboren haben, kein schlechtes Gewissen oder gar Angst im Nachhinein zu machen. Das Buch hinterlässt keinen bitteren Nachgeschmack wie es wohl leicht passieren kann, wenn der Autor/die Autorin nicht gewissenhaft mit den Informationen umgeht, sondern macht Freude und Lust auf einen eigenen, selbstbewussten Weg. Im Vergleich zu anderen Büchern rund um Schwangerschaft und Geburt schneidet dieses Buch für mich sehr, sehr gut ab. Es macht Schluss mit Mythen und spendet Selbstbewusstsein.

Barbara



zum Seitenanfang