Essen
Was gibt's heute? Jesper Juul
Preis: EUR 14,90
Broschiert - 140 Seiten - Walter-Verlag
Erscheinungsdatum: August 2002
ISBN: 3530401331
Rezensionen:
Ich habe das Buch Was gibt's heute? von Jesper Juul mit sehr großem Interesse gelesen. Es gibt sehr viele, sehr wertvolle Tipps rund ums Essen. Vieles sehe ich genauso wie er, manches war eher neu für mich, beziehungsweise hatte ich mir zu manchen Themen noch keine ausführlichen Gedanken gemacht. Seine Gedanken finde ich aber durchaus nachvollziehbar, irgendwie sehr logisch.
Das Buch Was gibt's heute ist eher ein Erziehungsratgeber als ein Ratgeber über Ernährung. So ist Jesper Juul der Ansicht, dass sehr viele Konflikte am und um den Esstisch eigentlich Erziehungskonflikte sind und nicht direkt mit dem Essen zu tun haben. Jesper Juul rät keine Konflikte zu unterdrücken, aber diese auch nicht am Tisch auszutragen, sondern nach den Mahlzeiten. Er sagt:
Die Mahlzeit ist nicht der Ort um seine Kinder zu erziehen, sondern an dem wir unsere Familie erleben können.
Dieses Buch ist eher für Eltern von älteren Kindern (so ab 2 Jahren) geeignet, da solche Dinge wie Einführung der Beikost gar nicht abgehandelt werden. Daher ist Was gibt's heute von Jesper Juul auch eine sehr gute Ergänzung zu Mein Kind will nicht essen von Dr. Carlos González. Die Grundeinstellung dieser beiden Autoren, nämlich Respekt gegenüber dem Kind, passt sehr gut überein, auch wenn ihre Bücher ansonsten sehr verschieden sind.
Das Buch Was gibt's heute ist sehr tiefgründig. Jesper Juul bezieht sich häufig auf seine Ansätze, die er in seinen anderen Büchern (vor allem Das kompetente Kind und Grenzen, Nähe, Respekt) detailiert beschreibt. Daher würde ich Lesern, die noch gar nichts von Jesper Juuls Philosophie wissen, erst raten, seine anderen Bücher zu lesen.
Jetzt möchte ich nur ein paar Aspekte herausfischen, die Jesper Juul in seinem Buch Was gibt's heute anspricht, und die ich persönlich für sehr wertvoll halte.
Jesper Juul definiert eine guten Mahlzeit so, dass sie aus gute Speisen bestehen sollte, die mit Liebe, Sorgfalt und Engagement nicht nur zubereitet, sondern schon ausgewählt und eingekauft wurden. Eine gutes Essen sollte ein Erlebnis der Sinne sein und läßt die engen Bindungen und die menschliche Stimmungen der anwesenden Personen erspüren. Kochen und gemeinsame Mahlzeiten tragen zur angenehmen Atmosphäre und gutem Klima in einem Haushalt bei, wobei nicht das Essen selbst, sondern die anwesenden Personen am wichtigsten sind.
Lt. Jesper Juul ist es die Verantwortung der Eltern, die Führungsrolle in der Familie zu übernehmen und auszuüben und zugleich ihre Kinder als kompetent und gleichwertig anzuerkennen.
Die Eltern haben die Verantwortung für die eigene Ernährung, wie auch die der Kinder. Kinder haben die Verantwortung für ihren Appetit und ihren Geschmack und ihre Reaktionen sind authentisch und sinnvoll (auch wenn sie manchmal von den Eltern erst dekodiert werden müssen).
Zudem haben die Eltern die Verantwortung für das Zusammenspiel mit den Kindern, für den Umgangston, die Stimmung und das gute Klima in der Familie.
Kinder sind kompetent, aber ihnen fehlt es an Erfahrung. Sie wissen fast immer, wozu sie Lust haben. Allerdings wissen sie jedoch nicht so genau, wie ihre realen Bedürfnisse aussehen. Darum ist es wichtig, dass Eltern Sorge für die Bedürfnisse ihrer Kinder tragen (die die Eltern allerdings auch erst im Laufe der Zeit entdecken).
Eines der wichtigsten Bedürfnisse der Kinder ist, Eltern zu haben, die den Überblick behalten und den Mut besitzen, die Verantwortung zu übernehmen und den Konflikt nicht scheuen.
Ein anderes wichtiges Schlagwort bei Jesper Juul ist Gleichwertigkeit.
Gleichwertigkeit ist weder gleichzusetzen mit Gleichheit, noch mit Ebenbürtigkeit. Eltern besitzen mehr Macht und haben eine ganz andere Verantwortung als Kinder.
Im ersten Lebenjahr eines Kindes müssen die Eltern nahezu ununterbrochen ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen oder zu Gunsten des Kindes auf die Warteliste setzen. Danach muss das Kind lernen: Man kann seine Bedürfnisse ausdrückern und darum bitten, was man haben möchte; aber man kann es nicht immer bekommen - und dann ist es in Ordnung, dass man sich darüber ärgert!
Wer im Mittelpunkt steht, ist kein Teil der Gemeinschaft mehr!
Jesper Juul appeliert daran, dem Kind das gleiche Essen zu servieren wie den Erwachsenen auch, es erst den Sinneseindruck geniessen zu lassen, bevor dann alles klein geschnitten wird.
Insgesamt spricht Jesper Juul sich sehr dafür aus, Kinder schon früh in die Hausarbeit zu integrieren.
Die Kinder lernen in den Institutionen wie etwa Kindergärten, Kinder zu sein. Aber nur zu Hause können sie lernen, was es bedeutet, erwachsen zu sein. Beide Aspekte sind wichtige Bestandteile einer guten Kindheit.
So soll man sie schon früh zum Einkaufen mitnehmen und ihnen so etwas über gute Zutaten beibringen, aber sie auch in der Küche mithelfen lassen.
Ihnen liegt viel daran, mit ihren Eltern zusammen zu sein und zugleich die Möglichkeit geboten zu bekommen, sich als produktives Mitglied der Familie zu fühlen.
Allerdings sagt Jesper Juul auch:
Wenn man das Kind in die Zubereitung des Essens einbezieht, ist unbedingt zu beachten, dass man kein größeres Projekt des Kindes wegen daraus macht. In dem Maß, wie sich Kinder wohl fühlen, wenn sie in Projekte der Eltern einbezogen werden, fühlen sie sich unwohl, wenn sie das Projekt der Eltern sind!
Im 2. Teil des Buches Was gibt's heute beschreibt Jesper Juul verschiedene Problemsituationen, wie wählerische Kinder, Kinder, die immer das gleiche essen wollen, Kinder, die nichts, bzw. kein Gemüse essen wollen, Kinder, die sich immer am Tisch streiten etc.
Die Lösungsmöglichkeiten sind sehr detaliert und vielfältiger Art, basieren aber zumeist auf Jesper Juuls zuvor schon genannten Thesen, dass Kinder die Verantwortung für ihren Geschmack und ihren Appetit haben sollten und dass Eltern die Verantwortung für die Ernährung nicht an ihre Kinder abgeben dürfen und auch keinen Druck auf die Kinder ausgeüben sollten.
Jesper Juul erklärt noch sehr schön, dass Kinder gerade duch die Vorbildfunktion der Eltern lernen und nicht durch Belehrungen seitens der Erwachsenen.
Ansonsten spricht sich Jesper Juul durchaus dafür aus, dass Eltern auch mal 'explodieren' dürfen, solange solch ein Ausbruch spontan und von Herzen kommt und dass Eltern auf jeden Fall ihren eigenen Werten treu bleiben sollten.
Insgesamt hat mir das Buch Was gibt's heute sehr gut gefallen, ich fand es sehr lehrreich, auch wenn ich es teilweise etwas schwer zu lesen fand. Vielleicht lag das daran, weil so viele wichtige Thesen angesprochen wurden. Dies hatte allerding den Vorteil, dass ich das Buch in wohldosierten Häppchen gelesen habe und daher mehr drüber nachgedacht habe und wahrscheinlich auch mehr hängengeblieben ist.
Ich würde das Buch Was gibt's heute durchaus interessierten Müttern weiterempfehlen.
Man sollte halt wissen, dass es vor allem ein Erziehungsbuch ist, das auf Jesper Juul Philosophie basiert, die er ausführlicher und anschaulicher in seinen Büchern Das kompetente Kind und Grenzen, Nähe, Respekt erläutert.
Jesper Juul, geb. 1948 in Dänemark, ist Familientherapeut, Lehrer und Autor mehrerer Bücher. Er leitet seit 1979 das Kempler Institute of Scandinavia und ist Gastprofessor für Psychologie an der Universität Zagreb. In Kroatien und Bosnien leistete er therapeutische Familienarbeit in Flüchtlingslagern.
Juul illustriert in seinem Buch, warum gemeinsame Mahlzeiten für das emotionale Klima in der Familie so wichtig sind. Fastfood wie Hamburger, Kebab oder Tiefkühlpizza sind, schnell unterwegs verzehrt, inzwischen zur täglichen Ernährung vieler Kinder geworden. Qualitätsvolle Mahlzeiten im Familienkreis hingegen scheinen immer mehr zu verschwinden. Dennoch: Gemeinsames Essen ist mehr als ein Ritual, sagt Juul, in diesem engagierten und sehr persönlichen Buch. Sorgfältig zubereitete gemeinsame Mahlzeiten vermitteln ein Gefühl von Nähe, Liebe und Geborgenheit, oft sind sie auch der Austragungsort für tieferliegende familiäre Konflikte. Jesper Juul zeigt anschaulich, warum Essensprobleme nicht selten eigentlich Erziehungsprobleme sind und führt in Fallbeispielen anschaulich und humorvoll vor, wie Eltern sie besser bewältigen können.
Juul schreibt: Eine gute Mahlzeit ist eine ausgewogene Mischung aus guten Speisen, Sorgfalt, Engagement, engen Bindungen, Ästhetik, einem Erlebnis der Sinne und aus unvorhersehbaren menschlichen Gefühlen und Stimmungen. Von Familie zu Familie bestehen vor allem große Unterschiede darin, was man unter einer gelungenen Mahlzeit versteht - was sowohl die Qualität des Essens als auch des Beisammenseins angeht. Einige essen, um zu leben, und andere leben, um zu essen. Manche Mahlzeiten sind von Widersehensfreude, Geruhsamkeit und Harmonie geprägt. Bei anderen fliegt plötzlich der Deckel hoch vom Topf mit den eingekochten Konflikten - und wir haben beides als gute Mahlzeiten in Erinnerung, weil wir dabei waren, weil wir einander etwas bedeuten und weil Gefühle und Beziehungen sich offenbarten, wie sie in Wirklichkeit waren. Es gibt auch Mahlzeiten bei denen uns die Speisen selbst bestens in Erinnerung geblieben sind. Vielleicht, weil die Frikadellen an dem Tag besonders gut schmeckten oder weil der Koch oder die Köchin uns überraschte und unsere Sinne verzauberte.
Juul schreibt ein Plädoyer für das Kind in der Küche! Nur durch Mitbestimmung und Miteinbeziehung des Kindes beim Einkauf und der Essensvorbereitung hat es das Gefühl wirklich dazu zu gehören. Nur gemeinsam mit den Eltern haben Kinder die Möglichkeit, Erwachsene zu erleben, wie sie Dinge zu Prämissen der Erwachsenen erklären. Einfacher ausgedrückt könnte man es so formulieren: Die Kinder lernen in den Institutionen wie etwa Kindergärten, Kinder zu sein. Aber nur zu Hause können sie lernen, was es bedeutet, erwachsen zu sein. Beide Aspekte sind wichtige Bestandteile einer guten Kindheit.
Interessant sind auch Juuls Ausführungen zum Thema Tischmanieren. Wer hat diese Sprüche nicht schon selbst als Kind gehört:
Man isst, was auf dem Teller liegt!
Man isst den Teller leer!
Man spricht nicht mit vollem Mund!
Man hält den Mund, wenn Erwachsene sprechen!
Man darf erst vom Tisch aufstehen, wenn alle fertig sind!
Juul gibt hier Denkanstösse, welche Normen und Werte man wirklich vermitteln möchte, was von den alten noch zeitgemäß ist und vor allem, wie wir ein "manierliches" Benehmen bei Tisch erreichen können ohne die Kinder zu bevormunden!
Das Buch erreicht Vollkommenheit mit den Kapiteln "Mein Kind will kein Gemüse essen", "Die Kinder zanken sich immer am Tisch" und "Teenager am Tisch!"
Aber dazu wollen wir nicht zu viel verraten! Kurzum, ein gelungenes und interessantes Buch, in dem zwar keine Kochrezepte aber viele Familienrezepte zu finden sind!
Ein Wort vorab:
Zu diesem Buch habe ich mir so viele Notizen gemacht, dass ich mich bewusst kurz fassen muss, um den Rahmen der Buchbesprechung nicht zu sprengen. Diese Besprechung werde ich nicht nach Kapitel und Titel ausführen, sonst käme ich locker auf 7 Seiten Besprechung, was ich der Leserin resp. dem Leser dann doch nicht zumuten möchte. Ich versuche mehr, einen roten Fanden zu finden.
Dieses Buch gestaltet sich etwas schwieriger für eine kurze Besprechung, da es recht komplex ist, auch wenn es beim Lesen eher einfach scheint, gut lesbar, süffig, verständlich geschrieben und dankbar als Lektüre nach einem anstrengenden Tag. Trotzdem komplex ist es, weil es auf der Philosophie der anderen Juul-Bücher aufbaut. Das kompetente Kind und Grenzen, Nähe , Respekt.
Besprechung:
Anfangen möchte ich mit einem Zitat, Seite 8:
Probleme und Konflikte um den Familientisch sind fast nie Ausdruck unseres Verhältnisses zum Essen, das auf dem Teller liegt. Sie sind vielmehr Indiz dafür, wie sich jedes einzelne Familienmitglied fühlt und was das Stimmungsbarometer beim Zusammensein anzeigt. Daraus ergibt sich: Weg mit dem Stress am Familientisch, her mit den Mahlzeiten.
Aber was ist eine Mahlzeit? Juul beschreibt es in etwas so: Mahlzeiten ist Essen, welches in Form von einer guten Speise, die mit Sorgfalt und Engagement zubereitet, mit Sinn für Ästhetik und als Erlebnis für die Sinne aufbereitet, menschliche Gefühle und eine gute Stimmung schafft. Klingt nach viel, ist aber durchaus machbar, täglich. Und es ist eine Investition durch die Menschlichkeit und Nähe, die am Tisch zwischen den Familienmitgliedern entsteht. Um eine schöne Mahlzeit zu genießen, müssen wir alle Erziehungsversuche am Tisch weglassen, das Essen genießen und Konflikte und Erziehungsversuche nach dem Essen realisieren. Am Tisch soll genossen werden.
Die Eltern dürfen sich in der Rolle des Gastgebers und der Gastgeberin wiederfinden. Sie sehen ihre Kinder als kompetent und gleichwertig an. Sie müssen einen Modus für ihre Führungsrolle finden, denn sie tragen die Verantwortung für die Ernährung der Familie, bis die Kinder rund 13 oder 14 Jahre alt sind und sie tragen die Verantwortung für den Umgangston, die Stimmung und das gute Klima in der Familie. Währenddessen sind die Kinder selbst verantwortlich für ihren Appetit und Geschmack und für authentisches und sinnvolle Reaktionen. Sie wissen, wann sie satt sind und und wann sie Hunger haben, sie wissen, welches Essen sie mögen und was sie nicht essen können. Oft muss die Reaktion eines Kindes von uns Erwachsenen decodiert werden, dies bedeutet aber gleichzeitig, dass die Reaktion des Kindes, auch wenn sie unverständlich erscheint, real und sozial ist. Sozial bedeutet, es ist ein positiver Beitrag zur Gemeinschaft. Halten wir dies zu Grunde der Mahlzeiten, sehen wir, dass die Mahlzeiten unser Familienleben spiegeln.
Wir als Eltern in der Führungsrolle haben unsere Werte, an denen wir festhalten, woran wir glauben. Um die führende Rolle kreativ und sozial zu gestalten, müssen wir einverstanden damit sein, dass sie diskutiert werden dürfen. Dies ist die einzige reale Alternative gegen die überholte, autoritäre Erziehung.
Weitere wichtige Stichworte sind Lust und Bedürfnis. Lust darf nicht die oberste Richtlinie sein, sondern die Freiheit, unsere Bedürfnisse auszudrücken. Kinder wissen, wozu sie Lust haben und Eltern müssen die realen Bedürfnisse der Kinder achten: Essen, Wärme, Fürsorge, Aufmerksamkeit und die individuellen Bedürfnisse der Kinder. Das wichtigste Bedürfnis der Kinder ist nicht die Verwirklichung ihrer Lust, sondern dass die Eltern den Überblick haben, auch über deren individuellen Bedürfnisse.
Kompetenz und Erfahrung sind weitere Stichworte, die grundlegend in Jesper Juuls Werken sind. Kinder sind kompetent, haben jedoch relativ wenig Erfahrung. Einbeziehung anstelle Erziehung bedeutet, dass Eltern mehr über die individuellen Bedürfnisse ihrer Kinder erfahren. Gleichwürdigkeit bedeutet nicht Gleichheit und auch nicht Ebenbürtigkeit, sondern Respekt der Individualität und Menschenwürde. Sprich: Kinder sollen nicht immer gerade das bekommen, worauf sie Lust haben, im Gegenteil, sie sollen argumentieren und diskutieren lernen und die Eltern sollen sich ihrer Führungsrolle bewusst sein und um ihr Wissen, die Bedürfnisse der Kinder von der Lust zu trennen.
In der Gemeinschaft ist es anfangs so, dass Eltern im ersten Lebensjahr ihre Bedürfnisse zurück stecken müssen. Ein Baby und dessen Bedürfnisse hat Vorrang vor den Bedürfnissen der Eltern. Aber schon ab Kleinkindalter lernen sie, dass auch Eltern Bedürfnisse haben, was zu Wut, Frustration und Weinen führen kann. Dies gehört dazu, es ist ein Teil dieses Lernprozesses und es sind legitime Gefühle. Auf Seite 27 steht:
Man kann seine Bedürfnisse ausdrücken und darum bitten, was man haben möchte; aber man kann es nicht immer bekommen - und dann ist es in Ordnung, dass man sich darüber ärgert!
Und weiter unten:
Wer im Mittelpunkt steht, ist kein Teil der Gemeinschaft mehr!
Aber was ist nun gutes Essen? Es gibt tausende von Kochbüchern und viele öffentliche Empfehlungen, traurig dabei ist aber, dass die Lust am Kochen und Essen sich darin verliert. Juul meint, ein gutes Essen besteht aus wenigen Zutaten, mit einfachen Rezepten zubereitet, welche nicht mehr als rund 45 Minuten Zeit in Anspruch nimmt. Kinder sollen dasselbe Essen wie ihre Eltern vorgesetzt bekommen, und Eltern, die das Essen für das Kind direkt zerdrückt und als Pampe auf den Tisch stellen, müssen sich nicht wundern, wenn Kinder dies nicht essen mögen. Kinder wollen den vollen Sinnesgenuss haben: Das Essen für die Kleinen soll also genauso aussehen wir unser Essen, zerdrücken und in Kindermund gerechte Stücke schneiden kann man es kurz vor dem Verspeisen. Kinder sollen Qualität kennen lernen und das Essen mit ihren Sinnen genießen. Solche Mahlzeiten gestalten sich als Investition, bedeuten Familienzeit und angenehmer Zeitvertreib, sind ein Teil des Familienlebens.
Die Küche wird oft Herz des Hauses genannt. Kochen soll eine Leidenschaft sein, kein Handwerk. Wenn Kinder den Erwachsenen beim Kochen über die Schulter schauen dürfen und erfahren, mit welcher Leidenschaft gute Mahlzeiten zubereitet werden können, finden sie sich ein in die Welt ihrer Eltern, sind nicht ausgeschlossen und lernen von Anfang an, was gute Mahlzeiten sind. Wenn Kinder anwesend sind in der Küche, kann es länger dauern, bis das Essen auf dem Tisch steht. Aber die Zeit in der Küche fehlt nicht, sie ist Teil des Familienlebens, im Herz des Hauses. Wenn die Kinder aus dem Babyalter raus sind, ist es ein wunderschöner Familienbrauch, ein Mal die Woche gemeinsam zu kochen. In vielen Familien hält sich der Brauch, bis die Kinder ausziehen. Manche Teenager erobern die Küche für sich alleine und werden wunderbare Köchinnen und Köche, andere erledigen ihre Arbeit eher unwillig, aber Hauptsache, sie tun es. Das Geschirr interessiert sich nicht dafür, mit welcher Laune es gespült wird.
Tischmanieren können zum Reizthema werden. Da Mahlzeiten die Familiensituation spiegeln, gehört das Thema Tischmanieren genauso hierher. Wie aber schon eingangs erwähnt, soll die Diskussion um die Tischmanieren nach den Mahlzeiten laufen, das Essen soll genossen werden. Manchmal kann auch am Tisch diskutiert werden, aber nur so lange, wie es respektvoll zugeht und kein Streit ausbricht. Die Eltern sollen an ihren Normen und Werten (auch die der Tischmanieren) festhalten und nicht der Einfachheit wegen zurückstecken. Es lohnt sich!
Im Restaurant ist es eigentlich wie zu Hause: wir haben die Bedürfnisse der anderen Gäste zu respektieren und sollen dies als Eltern unseren Kindern vermitteln. Dies bedeutet, dass das Kind sich im Restaurant durchaus angenehm aufführen soll, wenn dies jedoch nicht gelingt, darf man niemals dem Kind das Gefühl geben, dass es falsch sei! Es reicht, das Kind darauf hinzuweisen, dass sich die anderen Leute stören und lieber in Ruhe essen möchten.
Zu den Konflikten: Im realen Leben treffen immer Realität und Vorstellungen aufeinander, dies führt logischerweise zu Konflikten. Ein Leben ohne Konflikte ist nicht machbar und nicht erstrebenswert. Wichtig ist, wie wir mit den Konflikten umgehen. Zu Problemen werden sie erst, wenn man Konflikte überdeckt oder unsachgemäß mit ihnen umgeht.
Zu den verschiedenen Problemen, die am Tisch entstehen können, schriebt Juul ein ganzes Kapitel. Ich greife stichwortartig auf.
Wenn Kinder wählerisch sind: Ein wählerisches Kind kann sich so verhalten, weil es die Führungsrolle inne hat. Eltern können dem Kind grenzen setzen, in denen das Kind sich bewegen kann und so die Wahl einschränken. Das Kind wird zurück finden in seine Rolle und die Eltern haben wie der die Führungsrolle, ohne dem Kind jedoch zu befehlen, was es zu essen hat. Es darf nie zu Zwang kommen, nur Grenzen dürfen gesetzt werden, in denen sich das Kind noch frei bewegen kann!
Mein Kind will jeden Tag das Gleiche essen: Die zentrale Frage hier wäre: hat das Kind zu viel Verantwortung? Musste das Kind öfter mal mehrere Mahlzeiten hintereinander essen, was es nicht mochte? Als Alternative bietet sich an, mit dem Kind gemeinsam das Essen zu planen.
Hilfe! Mein Kind isst nicht: Handelt es sich um ein Baby, muss professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Bei Teenager gilt das Augenmerk auf Anorexie und Bulimie. Meistens jedoch bedeutet dieser Satz, dass das Kind sehr viel weniger isst, als man von ihm erwartet. Da ist entscheidend, ob das Kind agil ist, sich gesund entwickelt und warum wir erwarten, dass das Kind mehr isst. Denn jeder Mensch hat manchmal mehr Appetit und manchmal weniger. Das ist absolut normal!
Mein Kind will kein Gemüse essen: Hat man zu viel Druck auf das Kind ausgeübt oder ihm wie eine Werbefachangestellte die Vorzüge des gesunden Gemüse tagtäglich vorgebetet? Manchmal essen Kinder das Gemüse ganz einfach lieber roh und manchmal äußert sich ein Konflikt zwischen den Eltern darin, dass das Kind kein Gemüse essen mag. Auch hier gilt. Es wird erst zum Problem, wenn die Eltern es zu einem machen.
Die Kinder zanken sich immer am Tisch: Vorab erklärt Juul, dass dies eine Vertrauenserklärung ist und es oft reicht, dass die Eltern sich raus halten und die Kinder den Konflikt selber lösen. Manchmal reicht das nicht aus und die Konflikte lassen sich vermeiden, indem man sich auf das gute Essen konzentriert. Sollte dies auch nicht zu ruhigeren Mahlzeiten führen, dürfen die Eltern durchaus spontan eingreifen, jedoch ohne zu drohen. Systematische Fragen helfen, dem Problem auf den Grund zu gehen.
Teenager am Tisch: Teenager suchen nach eigenen Werten, dies auch zu Tisch. Während Teenager auf der Suche nach ihren eigenen Werten sind, gelten die Eltern oft kategorisch als altmodisch. Dies ist ok. Die Rolle der Eltern als Erziehende ist zu dem Zeitpunkt beendet, sie sind weiterhin Basis und Vorbild, jedoch nicht mehr die Führenden. Die Teenager sind ausgestattet mit allem, was sie für ihr Leben brauchen und müssen lernen, damit umzugehen.
Hilfe! Mein Kind ist zu dick: Für Übergewicht gibt es viele Ursachen, eine davon sind Suchtprobleme in der Familie. Die existenziellen Ursachen von Übergewicht zeigen sich als soziale Symptome, das Kind wird gehänselt und ausgeschlossen. Trotzdem muss das Kind selber entscheiden, ob es abnehmen will. Auf Seite 117 steht so treffend: Wir können auf die Verherrlichung der mageren Supermodells unserer zeit schimpfen, uns über die anscheinende Bosheit anderer Kinder oder über die Neigung der Lehrer ärgern, der Sache kein Gehör schenken. Doch mit all dem konfrontiert, sind wir Eltern ganz oder teilweise hilflos. Unsere Stärke besteht in der Liebe zu unseren Kindern und in der Art und Weise, die uns das Leben lehren kann, sie in die Praxis umzusetzen. Kinder und Jugendliche, die in anderen Bereichen einen schweren Stand haben, brauchen diese Stärke.
Wenn Eltern nicht einer Meinung sind: Eltern sind unterschiedliche Individuen, was unterschiedliche Meinung einschliesst. Sie müssen nicht immer einer Meinung sein, das geht gar nicht! Konflikte sollen fair und mit Respekt ausgetragen werden, nicht im offenen Streit, in den womöglich noch die Kinder involviert werden. Niemals dürfen Kinder Gegenstand des Streits sein wenn sie dem Streit beiwohnen.
Meine Meinung zu diesem Buch:
Ich fand es spannend zu lesen. Gerade als Lektüre nach Gonzalez Mein Kind will nicht essen war es eine Weiterführung. Gonzalez deckt den Problemkreis im Baby- und Kleinkindalter ab, nimmt viel und oft Bezug auf Muttermilch und Stillen/Langzeitstillen, Juul den Bereich danach. Die Bücher ergänzen sich gut und haben dieselbe Basis. Respekt- und vertrauensvollen Umgang mit unseren Kindern, auch wenn es ums Essen geht. Ich kann das Buch weiter empfehlen an Eltern die Kinder im Alter von drei Jahren und mehr haben.
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